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Die Kagelbrüder und Kramer

Am alten Sod der Lüneburger Saline um 1600Am alten Sod der Lüneburger Saline um 1600

Am 18. August 1850 war im Lüneburger Sonntagsblatt der folgende Artikelzu lesen: „Schreiber dieses traute seinen Augen kaum, als er, nachdem er bereits das ihm unglaublich scheinende Gerücht vernommen hatte, die Kagelbrüder wollten ihre Brüderschaft auflösen und ihr Vermögen unter sich teilen, durch eine Aufforderung des Stadtgerichts dieses Gerücht zum Teil wirklich bestätigt sah. Wie, dachte er, ein öffentlich anerkannter Verein, der so wenig eine Privatgesellschaft war, dass er vielmehr ein wichtiges Glied der zweihundert Jahre lang bestandenen Stadtverfassung bildete, eine Brüderschaft, die ihr Vermögen nicht selbst zusammengebracht, sondern von Vorfahren überkommen hat, die die Brüderschaft zu frommen Zwecken stifteten, eine Brüderschaft, die noch im vorigen Jahrhundert Armen speisete, die bis auf den heutigen Tag noch als Stifterin mitwirkt bei der Vergebung des städtischen Stipendiums, (...) Unglaublich, aber dennoch wahr!”

Was war geschehen? Was hatte den Verfasser dieses Artikels, der niemand geringerer war als W.F. Volger, einer der einflussreichsten Bürger Lüneburgs, derart in Erstaunen und Empörung versetzt? Wer genau waren die Kagelbrüder, und was haben sie mit dem heutigen Verein Lüneburger Kaufleute zu tun? Von der Kagelbrüder-Gesellschaft, einer der renommiertesten und bedeutendsten Brüderschaften Lüneburgs, lässt sich leider kein so genaues Bild mehr gewinnen wie von der mittelalterlichen Stadt. In der Lüneburger Geschichtsschreibung werden die Kagelbrüder zwar oftmals erwähnt, zusammenhängende Darstellungen aus dem 20. Jahrhundert gibt es allerdings nur drei, deren längste keine zwei Seiten umfasst. Die folgenden Ausführungen stützen sich im Wesentlichen auf die wenigen Urkunden, die noch im Original erhalten sind, und auf die handschriftlichen Aufzeichnungen von Gebhardi (Stadtsekretär in Lüneburg, 18. Jahrhundert) und W.F. Volger (19. Jahrhundert).

Die Kagelbrüder waren Kaufleute, die eine Gesellschaft (mnd.: „Selschop”) bildeten. Diese Gesellschaft unterschied sich allerdings in ihren Sitten und Gebräuchen nicht von den zahlreichen anderen Gilden und Brüderschaften Lüneburgs, so dass die Worte Gesellschaft, Gilde und Brüderschaft im Zusammenhang mit den Kagelbrüdern gleichermaßen benutzt werden können. „Zwischen Zunft, Gilde, Amt, Innung, Brüderschaft (...) besteht kein anderer Unterschied als der des Namens. Mitunter scheint zwischen ihnen ein Unterschied des Ranges gemacht zu werden. Allein, es handelt sich dann nur um einen Sprachgebrauch, der sich zufällig festgesetzt hat. Allgemein besteht ein solcher Unterschied keineswegs.”Auch wenn die genannten Vereinigungen im Einzelfall durchaus große Unterschiede aufweisen, lässt sich in den alten Quellen kein einheitlicher Sprachgebrauch finden, so dass diese vereinfachende Definition hier ausreichen soll.

Schließlich lenkt sie die Aufmerksamkeit auf ein wesentliches Element, nämlich den gesellschaftlichen Rang der verschiedenen Gilden. Es ist denkbar, dass die „Selschop” eine herausgehobene Gruppe darstellen sollte, waren die Kaufleute doch – abgesehen von den erst später an Bedeutung gewinnenden Brauern - nach den Sülfmeistern die wirtschaftlich und indirekt auch politisch einflussreichste Gruppierung. Dieser besondere Anspruch, aber auch die Nähe zur politischen Führung wurde dadurch unterstrichen, dass der Vorsitzende der Gesellschaft nicht direkt aus der Kaufmannschaft kam, sondern aus der Reihe der ehemaligen Bürgermeister. Wie lange die Kagelbrüder in Lüneburg schon existieren, ist unklar. Die erste Erwähnung in einer vermutlich zeitgenössischen Chronik stammt von 1412: „Item de Kagelbröder hiesülft tho Luneborg eene Geselschop der Jungen Koplude so mit Kagels gaen unde nichte mehr als in de Zunft hören florerenden [florieren] düsse Tidt undt wehren nächst denen de op de Sülte kocken [und waren nächst den Sülfmeistern]”.

Den ersten gesicherten, urkundlichen Nachweis für deren Existenz hingegen stellen die ältesten bekannten Statuten von 1468 dar. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Gesellschaft schon lange davor bestanden hat: ein solches Regelwerk lässt auf eine langjährige Tradition schließen, derer es bedarf, um die schließlich schriftlich festgehaltenen Bräuche auszuformen. Auch war es damals üblich, Verhaltensregeln durch Gewohnheit und wiederholte Anwendung weiterzugeben, so dass der Schriftform nur noch eine dokumentarische Funktion zukam.

Ein weiteres Indiz für eine lange Tradition schon vor 1468, das mit dem Alter der Kagelbrüdergesellschaft bislang nicht in Zusammenhang gebracht worden ist, liefert ein Lüneburger Straßenname: „Im Timpen”, eine kleine, selbst vielen alteingesessenen Lüneburgern unbekannte Straße zwischen der Ritter- und Wallstraße, ist benannt nach der Versammlungstracht der Kagelbrüder. Diese Tracht bestand – möglicherweise in Anlehnung an verschiedene mittelalterliche Orden von Bettelmönchen – aus einem langen Umhang und einer spitz zulaufendem Kapuze, dem „Kagel” oder„ Kogel” (lat.: cuculla = Kopfbedeckung, Kapuze). Während bereits hier ersichtlich wird, wie die Kagelbrüder zu ihrem Namen kamen, bedarf der Straßenname noch näherer Erläuterung: Der Timpen – das war die Spitze des Kagels. Und so lautete der komplette Straßenname ursprünglich auch „Kogheltympen”. Diesen außergewöhnlichen Namen verdankt die Straße seiner besonderen Lage an der alten Stadtmauer, auf welche sie im spitzen Winkel zulief. Erstmalig erwähnt wurde „Im Kogheltympen” 1451, was darauf schliessen lässt, dass die Kagelbrüder bereits zu dieser Zeit fest in der städtischen Gesellschaft etabliert waren. Die gemeinsame Wurzel der Lüneburger Kaufleute war der Heringshandel. Der gesalzene Hering war ein fester Bestandteil der mittelalterlichen Küche, da der kirchliche Fastenkalender an 140 bis 160 Tagen im Jahr ein Fleischverbot vorschrieb. Vor seiner Zerstörung im Jahre 1189 nahm Bardowick im norddeutschen Heringshandel eine zentrale Stellung ein, die später von den Lübecker Kaufleuten übernommen und ausgebaut wurde. Während einige Lüneburger Kaufleute vermutlich in die alten bardowickischen Handelsbeziehungen eintraten und direkt an die Ostsee zu den Fanggebieten z.B. am Öresund reisten, zu den sog. „Schonischen Messen”, dürfte der größte Teil des Heringsund Salzhandels über die großen Lübecker Kaufleute gelaufen sein. Lüneburg kam in dem Heringshandel mit Lübeck eine doppelte Funktion zu: zum einen die des Lieferanten, denn das Lüneburger Salz hatte sich wegen seines geringen Gehalts an Bitterstoffen als besonders geeignet zum Einsalzen erwiesen, und zum anderen war Lüneburg ein zentraler Marktort, von dem aus die von Lübeck kommende Ware weiter in den Süden gebracht wurde. Mitunter wurde die Ware, die direkt nach dem Fang vor Ort eingesalzen wurde, in Lüneburg auch ein weiteres Mal „gewrackt”, d.h. mit neuer Salzlake versehen. Das schon 1302 erstmals erwähnte Kaufhaus mit dem dazugehörigen Kran und Stintmarkt hieß damals Heringshaus, und der Kleinverkauf der Fische fand in kleinen Buden auf dem sog. Heringssteg (oder: -stegel) statt, einer hölzernen Laufbrücke über die Ilmenau. Sie befand sich an der Südseite des Fischmarktes in der Nähe der Abtsmühle und hat noch bis zum Ende des 18. Jahrhundert existiert. Als ein deutlicher Hinweis auf das gehandelte Gut lässt sich ohne Zweifel das Wappen der Brüderschaft interpretieren – drei silberne Heringe auf blauem Grund, wie sie auch heute noch auf dem Kaufleute-Pokal und einer alten Eichentruhe im Rathaus zu sehen sind. Ebenso versinnbildlicht das Siegel der Kagelbrüder, eine Heringstonne, das verbindende Element der Kaufleute. In Abgrenzung von den Kramern, kleinen Einzelhändlern im heutigen Sinne, verstanden sich die Kagelbrüder als Großkaufleute mit weitreichenden Handelsverbindungen, auf die weiter unten noch näher eingegangen werden soll. Man unterschied anfangs zwischen den alten (oder großen) und jungen Kaufleuten. Das Unterscheidungskriterium ist unklar. Bodemann nimmt an, dass es die Art der gehandelten Güter war: Während erstere dem Seehandel nachgingen, schienen letztere hauptsächlich mit Heringen gehandelt zu haben. Tatsache ist, dass die alten Kaufleute vier Sülfmeister als Älterleute hatten und die Heringe sich nur im Wappen der jungen Kaufleute fanden. Die Trennung bestand jedoch nur bis 1477, als eine Einigung über heute unbekannte Einkünfte und Eigentumsfragen erzielt werden konnte. Interessant ist, dass sich die Kagelbrüder- Gesellschaft bis zu ihrer Auflösung als „Gesellschaft der jungen Kaufleute” verstanden und die drei Heringe im Wappen geführt hat – eine Tatsache, die gegen die Annahme einer gütlichen Einigung und einer „Fusion unter Gleichen” spricht, sondern eher für eine Auflösung oder das Aussterben der alten Kaufleute. Die Kagelbrüderbücher, auf die an dieser Stelle verwiesen wird51, sind leider verschollen und können keine Auskunft mehr geben. Nachdem nun die Entstehung und Zusammensetzung der Kagelbrüder - so weit es eben möglich ist - erklärt sind, gilt es, das tägliche Leben in der Gilde zu untersuchen. Die Gilden im Mittelalter waren gesellschaftliche Zusammenschlüsse, in denen sich ein Großteil des sozialen Lebens der Mitglieder abspielte. Nicht selten waren einzelne Bürger in mehreren Gilden zugleich Mitglied, in Einzelfällen sind sogar über 10 Mitgliedschaften einer Person nachweisbar. Die Gilden verfolgten religiöse, wirtschaftliche und gesellige Ziele und widmeten sich der brüderlichen Nächstenliebe sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeinschaft, vor allem in Form von gegenseitigem Beistand der Gildenmitglieder untereinander. Nicht anders verhielt es sich bei den Kaufleuten, auch wenn deren Gewerbe, wirtschaftliche Macht und sozialer Status sich sehr wohl von den übrigen, oft von Handwerkern dominierten Gilden unterschied. Einen guten Einblick gewähren die Statuten von 1468 deren Inhalt hier auszugsweise und gekürzt wiedergegeben wird: Die Statuten sollen den Brüdern beim jährlichen Gildenmahl vorgelesen werden. Von den ehemaligen Bürgermeistern soll einer zum Vorsitzenden der Gesellschaft gewählt werden. Als Schreiber soll er einen der jüngeren „Kumpane” benennen, und als Beisitzer zwei Älterleute. Der Vorsitzende und die Älterleute sollen sich gemeinsam um den von den Kagelbrüdern unterhaltenen St. Antonii-Altar in der St. Johanniskirche55 kümmern, für den Ornat und die Leuchter sowie für die regelmäßige Abhaltung der Messen sorgen. Die Gilden verfolgten neben wirtschaftlichen auch gesellige und religiöse Ziele. Zum Lobe Gottes und der Maria und zum Heile aller Christen, insbesondere der verstorbenen Brüder und Schwestern, werden an jedem Sonnabend Almosen gespendet, nachdem in der Kapelle die Messe gelesen worden ist. Jeder rechtschaffene Hausarme, der dafür ausgesucht worden ist, erhält vier Pfennige und soll als Gegenleistung die Messe hören und für die Almosengeber beten. Die „Schaffer”, vier jeweils auf zwei Jahre bestellte Kagelbrüder, sind verpflichtet, an der Messe am Sonnabend teilzunehmen und die Almosen auszuteilen. Wer diese Pflicht versäumt, büßt mit einem Pfund Wachs. Für die verstorbenen Brüder und Schwestern sollen die Schaffer alljährlich Vigilien und Seelenmessen lesen lassen. Bei Zusammenkünften müssen die Brüder ihre Kagel tragen. Wer dies versäumt oder fehlt, soll ein halbes Pfund Wachs als Buße geben, dies gilt selbst für den Bürgermeister. Es ist den Brüdern bei Strafe verboten, ihre Kagel zu verleihen, außer an Frauen und Jungfrauen. Streitigkeiten unter den Brüdern sollen zunächst vor den Vorsitzenden und die Älterleute gebracht werden. Nur wenn der Streit so nicht geschlichtet werden kann, darf das Gericht angerufen werden. Wer gegen diese Bestimmung verstößt, wird mit einer Tonne Bieres bestraft. Schließlich enthält die alte Satzung auch eine Bestimmung, die das kaufmännische Gewerbe betrifft: Wer gegen die von den Kagelbrüdern gemeinsam festgesetzten Qualitätsstandards verstößt, büßt mit einer halben Tonne Bieres. Schaffer und Älterleute sollen diese von dem Schuldigen fordern und dem Vorsitzenden aushändigen. Anders als in vielen anderen gewerblichen Zusammenschlüssen sind solche gewerbespezifischen Regelungen jedoch die Ausnahme. Einer der Gründe dafür mag sein, dass die Brüderschaft sich nicht nur auf Kaufleute beschränkte, sondern bald auch Gelehrte und sonstige angesehene Männer als Ehrenmitglieder aufnahm. Einen anderen Grund kann man darin sehen, dass die Kagelbrüder nicht alle Personen, die Handel trieben, vereinigte: So ist nachgewiesen, daß auch Brauer bisweilen einen bedeutenden Handel unterhielten, und auch bei den wirtschaftlich und politisch dominierenden Sülfmeistern steht einer dahingehenden Vermutung nichts im Wege. Wollte man also den Handel reglementieren, musste man auf einer Ebene ansetzen, die alle Handel treibenden Personen umfasst. Als Versammlungsort diente den Kagelbrüdern das Schütting am Markt. Bei festlichen Mahlzeiten wurde - entsprechend der Stellung der Brüderschaft - große Üppigkeit nicht nur mit dem Menü, sondern auch mit dem gildeeigenen Silbergerät entfaltet. Das Silberzeug wurde 1581 auf 429, 1638 auf 621 Lot berechnet. Darunter befand sich eine Kette, für die jedes neu aufgenommene Mitglied eine Silbermünze stiften musste und die bei der Auflösung der Brüderschaft 1850 noch existierte61. Neben den wirtschaftlichen und geselligen Interessen fanden insbesondere die religiösen und karitativen Ziele bei den Kagelbrüdern Beachtung. Abgesehen von den bereits oben in den Statuten erwähnten Aktivitäten statteten sie die Commende des St. Antonii- Altars überaus reichhaltig aus, unterhielten ein ewiges Licht in der Lambertikirche speisten bis 1733 einmal jährlich die Armen im Gral und zeigten sich auch anderweitig fürsorglich auf dem Gebiet christlicher Nächstenliebe. Die starke Hinwendung zum Glauben lag möglicherweise in der ständigen Gefahr und der Nähe zum Tod begründet, in der die frühen Kaufleute im Mittelalter lebten. „Koplude-Loplude” – dieses alte Wort kennzeichnet den Kaufmann als Reisenden schlechthin und somit als jemanden, der sich auf den Straßen vor Wegelagerern und Raubrittern in Acht nehmen musste und auf See nicht nur die damals häufigen Schiffbrüche, sondern auch Piraten zu fürchten hatte. „Geht ihr an Bord, so geht vorher zur Beichte! Es dauerte nur kurze Zeit, daß unser Leben verlorenging”, so lautet die Inschrift auf einem Gemälde in der Lübecker Marienkirche, das den Schiffbruch eines hansischen Bergenfahrers darstellt. Bevor der Kaufmann auf Reisen ging, fühlte er das Bedürfnis, seine weltlichen und geistlichen Angelegenheiten zu ordnen. Häufig fasste er dann sogar sein Testament ab, in dem fromme Stiftungen nicht fehlen durften. So flossen auch den Kagelbrüdern umfangreiche Schenkungen zu, von denen die oben erwähnten sonnabendlichen Almosenspenden finanziert wurden. Doch die Reisen bargen neben den Risiken auch große Chancen für die Kaufleute und waren unerlässlich für die Pflege auswärtiger Geschäftsbeziehungen: „Dat vögelken synget synen sank, de sommer de is nicht lanck, dat is det kopmans beste! Godt vorlen uns einen guden wint, von norden und vom westen!” Von Norden sollte der Wind kommen, weil von dort der Hering und Stockfisch kam, und vom Westen, wo niederländischen Städte lagen, die Zentren des europäischen Handels. Doch beschränkten sich die Lüneburger Bürger nicht auf den Handel mit den reichen Küstenstädten, sondern betätigten sich auch selbst im Fernhandel mit Wisby auf Gotland, den schwedischen Schären, Bergen (Norwegen), Dänemark, Holland, Brabant, Flandern, England und Island – und sogar in Nowgorod, einem hansischen Kontor in Russland, fehlten die Lüneburger Kaufleute nicht. Mit der Reformation, die sich in Lüneburg unter Herzog Ernst dem Bekenner in dem auf 1525 folgenden Jahrzehnt zunehmend durchsetzte, verloren die Sinnbilder der katholischen Konfession, die Kapellen, Vikarien, Altäre und Schutzheiligen, an Bedeutung. Auch die zahlreichen Gilden und Brüderschaften, die religiöse Ziele verfolgten, lösten sich auf, und die Spendenfreudigkeit der Bürger für die Kirche und die Armen ging schnell zurück. Nicht so bei den Kagelbrüdern, die als einzige Brüderschaft in Lüneburg auch über die Reformation hinaus Bestand hatte: Die Tatsache, dass dieser Gilde kein Amt zur Seite stand, wie es bei den meisten anderen gewerblich orientierten Gilden der Fall war, wird hier sicherlich eine wichtige Rolle gespielt haben. Während die Kramer z.B. nach Auflösung der Gilde noch in dem Krameramt zusammengefasst waren, stellte die Brüderschaft für die Großkaufleute deren einzige Bindung dar. Das Messelesen wurde eingestellt, ebenso andere geistliche Aktivitäten, während die karitativen Tätigkeiten unberührt blieben. Aus den silbernen Altargeräten ließ man zwei Kannen machen, die neben dem übrigen reichen Silbergerät bei dem ([zweimal jährlichen) Schmause Verwendung fanden. Ihre Statuten wurden, „um alle Mißbräuche abzustellen”, 1539 geändert. Die Vikarie am St. Antonius-Altar wurde in ein Stipendium auf 4 Jahre für den Sohn eines Kagelbruders umgewandelt75. Aus der späteren Geschichte der Kagelbrüdergesellschaft sind leider nur noch sehr wenige Dokumente überliefert. Chronologisch folgt als nächstes Ereignis die Gründung der „Totenkasse der Kaufleute-Gesellschaft” 1565. Offenbar ist sie von Kagelbrüdern gegründet worden, deren Älterleute sie möglicherweise 1765 noch verwalteten. In der Satzung, die die Totenkasse sich im Jahr 1667 gab, heißt es: „Weil wir nun aber allesamt sterbliche Menschen seyn, nichts gewisser als der Tod, nichts ungewisser aber als die Stunde desselbigen zu gewarten haben und gleichwohl ein jeder gerne wollte, daß sein und der seinigen Körper christlich und ehrlich zur Erden bestätigt werden möchten, so ist dessentwegen diese löbliche Kauffleute Brüderschaft mit Bewilligung eines Edeln, Ehrenvesten Hoch und Wohlweisen Raths allhier Anno 1565 auf Laurentii (10. August) gestiftet zu dem Ende, daß einer den andern zum Gottesacker tragen und der Leiche folgen soll bei ernster Strafe”. Es ist kein Zufall, dass diese Totenkasse wie auch andere gleichgerichtete Vereinigungen zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pest in Lüneburg gegründet worden ist. Die dringend erforderliche Bestattung der Toten war in diesen Zeiten ein schwerwiegendes Problem, weil sich niemand der Ansteckungsgefahr aussetzen wollte. Als die Pest 1604 in Lüneburg zum dritten Male ausbrach, gab es infolgedessen vermehrt Austritte aus der Gesellschaft der Kagelbrüder, da viele sich weigerten, die Leichen gemäß der Satzung zu tragen. Doch mit der praktischen Notwendigkeit dieser Institution und einer religiösen Ernsthaftigkeit, die aus der Satzung spricht, vereinten die Mitglieder dieser Kasse auch immer den Anlass zu fröhlicher Geselligkeit. Charakteristisch für die Begräbnisgesellschaften jener Zeit waren die großen Kollationen, die unter Teilnahme eines Geistlichen mit Gebet eröffnet wurden und auf welche dann ein Mahl folgte, das „wegen des Umfangs des Speisezettels und der Anzahl der geleerten Flaschen sich einer gewissen Berühmtheit erfreute”. Von der Feier zum 200-jährigen Jubiläum der Gesellschaft im Jahr 1765 zeugt ein heute noch erhaltenes Pergament, das eine genaue Schilderung der Feier enthält. Neben dem Ablauf der Feier sind dort sogar die komplette Sitzordnung, von der hier nur der vierte Teil mit den geladenen Gästen wiedergegeben ist, und die Anordnung der Gedecke auf den Tafeln aufgezeichnet. Die Üppigkeit der aufgetragenen Speisen, die Bekanntheit vieler Namen und der ganze Rahmen der Festlichkeit sprechen für die Bedeutung der Gesellschaft. Zu dieser Feier schließlich ist auch der dem Verein Lüneburger Kaufleute noch heute erhaltene Kaufleute-Pokal gestiftet worden. Der im gleichen Jahr von dem Lüneburger Goldschmied Jakob Bresemann gefertigte silberne Pokal trägt auf dem Deckel das Wappen der Kagelbrüder, drei silberne Heringe auf blauem Grund, und hat an seinem Fuße die Namen der Stifter eingraviert. Die Totenkasse der Kaufleute bestand bis in unsere heutige Zeit. Direkt nach dem ersten Weltkrieg, 1919, belief sich das Vermögen der Kasse laut einem versicherungstechnischen Bericht noch auf 89.000 Mark, und erst im Jahr 1967 wurde sie unter dem Vorsitzenden Adolf Hansen aufgelöst und das Vermögen unter die Mitglieder verteilt. Im Jahre 1619 erlangten die Kagelbrüder zwei ständige Sitze im Rat. Während des dreißigjährigen Krieges (1618-1648) durchlitt die Kagelbrüder-Gesellschaft offenbar schwere Zeiten, da viele Mitglieder verarmten oder wegzogen. Mit dem Zutritt zum Rat, in dem die Kagelbrüder 1619 zwei Sitze erhielten, erlangte die Brüderschaft aber zeitgleich einen Erfolg, der sie fortan umso stärker zusammenhalten ließ. Als die Brüderschaft als öffentlicher Verein im Jahre 1638 zu den städtischen Lasten beitragen und Korn liefern sollte, gelangte sie an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Einen Ausweg aus der Misere fand Christian Busch 1646, der den aus der Not heraus betriebenen, defizitären Kornhandel aufgab und das verpfändete Silberzeug der Brüderschaft wieder einlöste. Eines der letzten dokumentierten Ereignisse aus der Geschichte der Gesellschaft ist die Neufassung der Statuten 1722, die aber keine wesentlichen Neuerungen mit sich brachte. Nach den religiösen schränkte die Brüderschaft mit den neuen Statuten allerdings auch die karitativen Tätigkeiten ein: „Die Kagelbrüder schienen nach der Reformation das Schmausen als den Hauptzweck ihres Vereines angesehen zu haben”, so jedenfalls die Sichtweise Volgers86. An die Stelle der christlichen Ziele der mittelalterlichen Brüderschaften traten offenbar verstärkt die geselligen und die 1619 neu hinzugekommenen politischen Ziele. Die Entwicklung der Gesellschaft von 1722 bis zu ihrer Auflösung ist nicht mehr dokumentiert, so dass das mangelnde Wissen an dieser Stelle durch Vermutungen ergänzt werden muss. In der nachfolgenden Zeit verlor die Brüderschaft anscheinend immer mehr an Bedeutung. Eine Erklärung dafür ist, dass die zugezogenen und aufsteigenden Unternehmer, insbesondere Spediteure, zum Kreise der alteingesessenen Kaufmannsfamilien nur schwer Zugang fanden87. Der gesellschaftliche Rang wurde der Brüderschaft aber vermutlich spätestens mit dem beginnenden 19. Jahrhundert von den neuen repräsentativen Klubs abgelaufen, was die rückläufige Mitgliederzahl erklären könnte. Mit der Reformation der Stadtverfassung 1846 verloren die damals nur noch elf Kagelbrüder88 schließlich auch die beiden Sitze im Rat, wodurch die traditionelle Vereinigung in ihrer Existenz in Frage gestellt wurde. Am 21. Januar 1850 stellte der mittlerweile auf sieben Brüder geschrumpfte Orden den Antrag auf Auflösung der Gesellschaft und besiegelte das Ende einer weit über vierhundertjährigen Tradition. Die Empörung Volgers, die in dem eingangs zitierten Artikel zum Ausdruck kommt, bezieht sich denn auch weniger auf die Auflösung einer zwar geschichtsträchtigen, aber mittlerweile nicht mehr zweckmäßigen Vereinigung, als vielmehr auf die Verwendung des Vermögens der Brüderschaft. Eine Aufteilung unter die Mitglieder wäre, so Volger, einem „Eingriff in Kirchenund Armengut” gleichgekommen, „der nach dem Sinne der Stifter des Vereins mit dem Kirchenbanne hätte geahndet werden müssen.” Und in der Tat beschäftigte die Auflösung der Kagelbrüder den Magistrat bis in das Jahr 1853. Der größere Teil des wohl noch beträchtlichen Vermögens wurde schließlich städtischer Verwaltung unterstellt, die dem Sinne der Stifter entsprechend darüber verfügen sollte. An die Stelle der Kagelbrüder- Gesellschaft trat der am 8. Januar 1850 gegründete, dem Zeitgeist besser entsprechende Handelsverein.


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