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Der Handelsverein und Junge Lüneburger Kaufleute

Hotel "Deutsches Haus" um 1900Hotel "Deutsches Haus" um 1900



Während das Stadtarchiv außer den am 26. Januar 1852 vermutlich erstmals abgefassten Statuten und einigen wenig aufschlussreichen Briefen keine weiteren Dokumente des Vereins in Verwahrung hat, beschränkt sich der Archivbestand des Vereins Lüneburger Kaufleute auf ein Verzeichnis der Gründungsmitglieder des Handelsvereins. Die darüber hinaus Erwähnung findenden Quellen sind mehr oder weniger Zufallsergebnisse einer sehr breit angelegten, umfassenden Recherche. Die Gründung des Vereins im Jahre 1851 fand allgemein scheinbar wenig Beachtung.

Die Tagespresse schweigt sich darüber aus, und auch in den Aufzeichnungen des Spediteurs Langermann, der immerhin Gründungsmitglied war, heißt es nur lapidar: „Am 8. Januar fand die erste Zusammenkunft des [... ] Allgemeinen Handelsvereins im Seegerschen Hause statt.” Die Zusammenkünfte, so Langermann weiter, sollten fortan jeden Mittwochabend zwischen 6 und 10 Uhr stattfinden.

Eine etwas ausführlichere und aufschlussreichere Darstellung findet sich dagegen in dem von W.F. Volger in den Jahren 1850 und 1851 herausgegebenen „Lüneburger Sonntagsblatt”, die hier, in Anbetracht des Fehlens weiterer Quellen, ebenfalls wörtlich wiedergegeben werden soll. Unter der Überschrift „Bitte” findet sich auf der letzten Seite der Ausgabe vom 16. Januar 1851 der folgende Artikel: „Es hat sich hier wieder ein neuer Club konstituiert, oder vielleicht richtiger gesagt, ein älterer ist nominell aufgewärmt, oder um einen poetischen Ausdruck zu wählen, ein neuer ist wie ein jugendlicher Phönix aus der Asche des alten emporgestiegen. Ein Club nur von handeltreibenden Herren! Das Circular besagt: Besprechung nur kommerzieller Gegenstände, nebst frugalem Abendessen, mittwochs von 6 bis 10 Uhr; auf Mittwoch den 9. Januar die erste Versammlung, namentlich zur Wahl eines Präsidenten bei Herrn Seeger anberaumt.

Die Herren haben sich in großer Anzahl gerüstet eingefunden, haben im Zimmer umhergestanden, haben eine Prise genommen, - haben geniest; ist es Ihnen gefällig eine kleine Partie zu machen? ‘Mit dem größten Vergnügen.’ Sie haben gespielt, haben – gegessen. Nach dem Essen haben sie sich angeschauet, haben wieder eine Prise genommen und haben wieder genieset. Einige haben sich erstaunt gefragt: Wollten wir nicht einen Präsidenten wählen? Wollten wir nicht commerzielles bereden? Gegen 12 Uhr nachts haben sie sich fröhlich und guter Dinge getrennt, die handeltreibenden Herren.

Es ist anzunehmen, dass hier von der Kagelbrüder- Gesellschaft die Rede ist, wenn von der „Asche” eines Vorgängers gesprochen wird, aus welcher der Handelsverein aufstieg. Die traditionsreiche, aber nicht mehr zeitgemäße Vereinigung von Kaufleuten hatte ein Jahr zuvor, am 21. Januar 1850, den Antrag auf Auflösung der Gesellschaft gestellt. Die entstehende Lücke kam der am allgemeinen Vereinsleben ohnehin interessierten Kaufmannschaft vermutlich nicht ungelegen, und schon bald, noch bevor der langwierige Auflösungsprozess 1853 sein Ende gefunden hatte und die „Asche” des Vorgängers somit „verraucht” war, konnte die Nachfolgevereinigung mit 104 Gründungsmitgliedern zusammentreten.

Der Zweck des Vereins war laut den Statuten von 1852 neben der oben anschaulich dargestellten „geselligen Unterhaltung” auch die „Besprechung kaufmännischer Angelegenheiten”. Die Skepsis Volgers, der nach der Gründungsversammlung letzteres bereits vergessen wähnte und am Ende des obigen Artikels die Bitte um Aufklärung ob des wirklichen Zwecks des Vereins anschloss, scheint jedoch aus dem ersten Eindruck heraus wohl etwas vorschnell und daher ungerechtfertigt gewesen zu sein. Von dessen Aktivität als Interessenvertretung der Kaufmannschaft zeugen verschiedene Eingaben, in denen sich der offenbar einflussreiche Verein erfolgreich staatlichen Instanzen gegenüber für wirtschaftliche Belange verwandte, sowie der erste gedruckte Jahresbericht von 1867 der neu gegründeten Handelskammer, in welchem der Verein gesondert Erwähnung findet: „Der vor der Errichtung der Handelskammer die hiesigen Handelsinteressen vertretende und in derselben Richtung noch jetzt tätige (...) allgemeine Handelsverein in Lüneburg hält allwöchentlich (...) seine Sitzungen und zählte im Jahre 1867 gegen 200 Mitglieder.”

Schließt man dementsprechend von der Tätigkeit der Handelskammer in den ersten 50 Jahren ihres Bestehens (1866-1916) auf die Tätigkeit des Handelsvereins zurück, so dürfte dieser sich insbesondere mit den folgenden Angelegenheiten beschäftigt haben: „...dem Zustand und der Verbesserung der Wasserstraßen, mit der Erbauung neuer Eisenbahnen und der Verbesserung des Verkehrs auf ihnen für Personen und Güter, mit der Einrichtung der Post, mit der Begutachtung fast sämtlicher inzwischen zum Gesetz erhobener Entwürfe, die irgend nur mit Handel und Industrie in Verbindung stehen, mit Steuervorschlägen, Zollpolitik und Handelsverträgen, mit der Erbauung des Mittellandkanals und mit dem kaufmännischen Fortbildungswesen.”Die Vermutung, dass diese Auflistung die wichtigsten auch im Handelsverein diskutierten Themen enthält, wird durch die vollständig erhaltenen Sitzungsprotokolle des „Vereins Lüneburger Kaufleute” bestätigt. In dieser Vereinigung, in die der Handelsverein im Jahre 1912 aufgegangen ist, fand die Diskussion jener Belange der städtischen Wirtschaft offenbar ihre Fortsetzung. Im Handelsverein fand das kaufmännische Fortbildungswesen besondere Beachtung:

Im Jahre 1875 übernahm dieser die Trägerschaft der Handelsschule von dem aufgelösten Krameramt, wie aus der ausführlicheren Darstellung der Handelsschulgeschichte in Kapitel 4.3 hervorgeht. Die Trägerschaft behielt der Handelsverein bei, bis er im Jahre 1912 in dem „Verein Lüneburger Kaufleute” aufging.


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